Der vergessene Geburtstag

„Was ist heute für Datum?“ Blitzartig durchzuckt mich diese Frage, obwohl niemand da ist, der sie mir beantwortet. Erschreckt stelle ich daraufhin fest, dass mein Vater vor zwei Tagen Geburtstag hatte. Oh je, was mache ich jetzt? „Bleib‘ ruhig“, versuche ich mich erst einmal zu beruhigen, aber das gelingt auch nach der zweiten Aufforderung nicht.

Eigentlich wäre es ja gar nicht so schlimm, denke ich, denn das kann schließlich jedem einmal passieren. Aber ausgerechnet jetzt, wo er ganz allein zu Hause ist und ich mich ein wenig verantwortlich für ihn fühle, weil ich mehr in der Nähe wohne als meine Geschwister, muss ich seinen Geburtstag vergessen. Der Wievielte ist es eigentlich? Es wird doch nicht etwa ausgerechnet dieses Jahr der fünfundsiebzigste sein? Hoffentlich nicht auch noch das. So gut es mit meiner Aufregung geht, rechne ich also nach und stelle fest: Es sein sechsundsiebzigster sein.

„Das kann ja auch nicht sein“, stelle ich wieder laut fest, „dann wäre er ja letztes Jahr fünf-undsiebzig geworden!“ Das hätte ich gewusst. ‚Dann wird Peters Vater dieses Jahr sechsundsiebzig, mein Vater ist zwei Jahre jünger‘, überlege ich und gewinne meine gute Laune wieder, weil ich nun sicher bin, dass mein Vater vierundsiebzig geworden ist. Ich kann mir sein Alter nie merken, es ändert sich schließlich jedes Jahr. Deshalb nehme ich immer Peters Vater zum Vergleich, dann weiß ich ’s wieder. Fast geht’s mir wieder gut, aber es ist Sonntag und kein Blumengeschäft hat offen. Ich muss ihm aber wenigstens eine Kleinigkeit mitbringen, wenn ich schon nicht an seinem Geburtstag an ihn gedacht habe.

Ich sehe mich in meinem Wohnzimmer um. Vielleicht eine meiner Vasen? Aber ohne Blumen wirkt so eine Vase ziemlich kahl. Oder gibt es ein Buch, das noch ungelesen aussieht? Der „Schinderhannes“ fällt mir in die Augen, aber das kann ich nicht machen, sonst glaubt er noch, dass es eine Anspielung ist. „Karl May“ hat er schon als kleiner Junge gelesen, kommt also auch nicht in Frage, „Wem die Stunde schlägt“ von Hemingway ist auch unpassend, aber vielleicht der Kishon „Im neuen Jahr wird alles anders“? Das ist es, das passt und lässt auf bessere Zeiten hoffen.

Den Staub puste ich vom Buch ins Zimmer. Geschenkpapier müsste ich noch irgendwo vorrätig haben. Als ich die Schublade herausziehe, um danach zu suchen, fällt sie hinunter. Verflixt noch einmal, schimpfe ich laut, warum muss Mutter ausgerechnet jetzt ins Ausland fahren, um ihre alten Freunde zu besuchen. Kann sie nicht zu Hause bleiben wie andere Leute auch und sich um ihren Mann kümmern? Dann wäre alles nicht so schlimm….für mich. Und die Schublade wäre auch nicht fast auf meinem Fuß gelandet. Außerdem ist nicht einmal mehr Geschenkpapier darin. Was soll ich denn jetzt bloß zum Einpacken nehmen?

Halt! Da fällt mir ein, dass ich das Buch in Servietten einwickeln könnte, vielleicht sieht das ganz gut aus. Gedacht, getan. Tatsächlich, so schlecht ist es nicht … aber schön ist es auch nicht gerade. Selbst mit hübsch gedrehtem Band wirkt es noch recht „serviettig“, irgendetwas Buntes fehlt. Mein Blick fällt beim Suchen auf die Balkonkästen. Die sehen recht dürftig aus. Dieses Jahr hatte ich kein Glück mit Blumen. Deshalb richtet sich mein ganzer Stolz auf eine einzige Ringelblumenpflanze, die tapfer eine Blüte nach der anderen bekommt, aber immer nur eine zur Zeit. Gerade heute Morgen hat sich wieder eine Knospe entfaltet. Die gelb-orange Blüte würde gut zur Farbe der Serviette passen, – aber soll ich wirklich die einzige Pracht meines Balkons, in die ich all meine Liebe und Pflege stecke, die ich wie meinen Augapfel behüte, als Geburtstagsbeilage opfern? Und das nur, weil kein Blumengeschäft geöffnet hat?

„Es ist der vergessene Geburtstag Deines Vaters“, erinnert mich eine innere Stimme leise mahnend, „da musst Du schon zu etwas Besonderem bereit sein, auch wenn du nicht das beste Verhältnis zu ihm hast.“

Also gut. Mit der Bitte um Verzeihung, damit die Pflanze trotzdem bald wieder blüht, breche ich die Blüte ab und verschönere Vaters Geschenk. Kurze Zeit später sitze ich im Auto und fahre zu ihm. Je näher ich meinem Ziel komme, desto mulmiger wird’s mir im Magen. Schuldbewusst suche ich nach einer glaubhaften Ausrede oder einer Erklärung. Aber was gibt’s da auszureden oder zu erklären? Ich hab’s vergessen! Sicher haben meine Geschwister an den Geburtstag gedacht, aber keiner hat mich daran erinnert. Was sind das bloß für Menschen? Sie haben mich anscheinend noch nicht einmal vermisst, sonst hätten sie ja angerufen und gefragt, wann ich komme; zumindest hätten sie sich anschließend melden können, um mir Vorwürfe zu machen oder um mir ihre Schadenfreude mitzuteilen. Aber nein, nicht einmal das.

Langsam fahre ich die Auffahrt entlang und halte vor der Haustür meines Vaters. Hoffentlich hat er keinen Besuch, der dann meine „Pleite“ mitbekommen würde. Das wäre mir noch peinlicher. Schließlich hole ich tief Luft und drücke auf den Klingelknopf.

Ist er nicht da? Es dauert so lange. Es ist ihm doch hoffentlich inzwischen nichts zugestoßen? Ich war aber doch erst am vergangenen Wochenende hier. Oder hat er vielleicht gesehen, dass ich auf den Hof gefahren bin und er öffnet nicht, weil ich nicht an seinen Geburtstag gedacht habe? Etliche verschiedene Erklärungen sausen mir in Sekundenschnelle durch den Kopf, da höre ich die Stimme meines Vaters durch die Sprechanlage, der fragt, wer dort sei.

„Ich bin’s Vater, machst Du bitte auf?“ Der Summer ertönt, ich trete ein. Mein Vater steht, sich mit der einen Hand auf die Türklinke stützend, ein wenig einsam und müde wirkend im Rahmen der Wohnzimmertür. Als er mich sieht, erscheint sein Gesicht mit einem Mal frischer. Er lächelt mir entgegen.

„Aha“, denke ich, „jetzt will er meine Ausrede genießen“, denn seine Augen, so meine ich, blinzeln spitzbübisch. Ich gehe schnell auf ihn zu, nehme ihn in den Arm, drücke ihm einen dicken Kuss auf die Wange, entschuldige mich tausend Mal, dass ich seinen Geburtstag vergessen habe. Ich sage ihm, dass ich es weder ihm noch mir erklären könnte, warum mir das passiert sei und dass es mir wirklich sehr leid tut.

Auch er hat seine Arme um mich gelegt, drückt mich nun aber ein wenig von sich weg und blickt mir fröhlich in die Augen. Verunsichert schaue ich ihn an. „Aber ich kann es Dir erklären“, sagt er. „Ich habe doch erst übermorgen Geburtstag!“

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