Die Oma, die mir in den Schoß gefallen war

Beruflich hat es uns weit von zu Hause weg gebracht. So weit weg, dass uns die Verwandtschaft nur selten zu Gesicht bekam. Viele Menschen sind ja froh, wenn sie nicht viel Kontakt mit ihren Familien haben müssen; gibt es doch oft Streit, Neid und Missgunst. Nicht so bei uns. Wir sind eine eng zusammen gehörende Einheit, die sich vermissen, haben sie sich länger nicht gesehen, die sich brauchen und die sich über das Miteinander freuen.

Unser einziges Töchterchen wurde in diese „Fremde“ hinein geboren. Nun könnte man vermuten, da sie nichts anderes kennen gelernt hatte, es wäre ihr gleichgültig. Als sie aber im Kindergartenalter war, wurden die Fragen nach ihren Tanten, Onkeln, Omas und Opas immer mehr. Sie vermisste Großeltern, die allerdings alle bereits verstorben waren. Die Fragen nach ihnen hörten trotzdem nicht auf. Sie „bestand“ darauf, auch welche zu haben – diesen Wunsch konnten wir ihr natürlich nicht erfüllen aber wir wussten, wie sehr sie sich diese „fehlenden Teile einer Familie“ wünschte.

An diesem Tag, ich wollte sie gerade in den Kindergarten bringen, sprang sie besonders aufgeregt aus der Haustür, da sie es kaum erwarten konnte. Heute wollte der Nikolaus die Gruppen besuchen. Ein aufregendes Erlebnis wartete auf sie. Das Herumwirbeln von ihr hatte jedoch eine ältere Dame in unmittelbarer Nähe derart erschreckt, dass sie auf dem glatten Gehweg den Halt verlor. Ich sah es, bekam zwar einen riesigen Schrecken, schaffte es jedoch, noch vor ihr auf den Boden zu fallen, bevor sie auf mich fiel.

Wie lange meine blauen Flecken noch weh taten erinnere ich nicht – aber: Mir war die fehlende Oma für unser Töchterchen in den Schoß gefallen!

Dieses Ereignis hat sich vor neunzehn Jahren zugetragen. Schon lange wohnt „Omi“ bei uns und eigentlich erinnert sich von uns keiner mehr daran, dass sie ursprünglich zu einer ganz anderen Familie gehörte, die aber nie Zeit für sie gehabt hatte. Wir arbeiten auch viel – aber wie ist das schön wenn man nach Hause kommt und es bereits im Flur nach frischem Kaffee duftet und einem zwei glückliche Gesichter entgegen strahlen!

 

Hier können Sie sich die Geschichte auch anhören:

Die Oma, die mir in den Schoß gefallen war

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