Ein Abschiedsbrief

 

Ich beginne diesen Brief ohne Anrede, da mir ein „Liebe Schwiegermutter“ einfach nicht aus dem Füllfederhalter fließen will. Wozu auch? Es wäre ge­logen, denn ich kann Dich nicht lieb finden, nachdem Du so viel Trauriges mit Deinen Handlungen angerichtet und soviel Schönes mit Deinen Worten zerstört hast.

Kannst du jetzt wirklich froh, zufrieden und glücklich sein, weil Du Dein Ziel, Hendrik und mich auseinanderzubringen, erreicht hast? Vielleicht bist Du sogar stolz, dass du es geschafft hast, Du glaubst vielleicht, ein gutes Werk getan und Hendrik vor großem Schaden bewahrt zu haben. Hast Du Dir einmal Gedanken darüber gemacht, wie dieser „Schaden“ wohl ausgese­hen hätte, was das überhaupt für ein „Schaden“ gewesen wäre?

Hendrik, der nach vielen Jahren des Alleinseins und der Einsamkeit eine Frau, ein Kind, also seine eigene kleine Familie gefunden hat, die glücklich miteinander sind und den Weg bis ans Lebensende gemeinsam gehen woll­ten. Es hätte drei glückliche Menschen mehr auf dieser oft zu lieblosen, kalten, grausamen Welt gegeben. Drei Menschen, die erfüllt durch ihr eige­nes Glück anderen, die niedergeschlagen, traurig oder verzweifelt sind, da­von etwas hätten abgeben können. Zumindest hätten sie vom Frohsinn, von der Leichtigkeit, mit der sie das Leben plötzlich nehmen konnten, etwas ab­geben können. Glück im Herzen eines Menschen lässt Farben leuchtend bunt erscheinen, lässt fröhlich lachende Augen und Gesichter erkennen, verleitet einen müden, manchmal lebensmüden Körper dazu, Bocksprünge zu ma­chen. Dieses Glück zu dritt hast Du nun vernichtet.

Du hast gesagt, Hendrik brauche keine Frau, und schon gar kein Kind, das nicht einmal sein eigenes ist. Er hätte ja dich, das wäre ausreichend. Hältst Du die Festkettung eines Sohnes an die Mutter tatsächlich für natürlicher, als eine Verbindung zwischen Mann und Frau? Du hast Dich doch auch mit Deinem verstorbenen Mann verbunden und Dich nicht an Deine Mutter oder Deinen Vater geklammert. Du hast doch Dein Leben gelebt, – brauchst Du jetzt noch zusätzlich Hendriks Leben, damit Du erfüllt sein kannst? Ist das nicht ein sehr hoher Preis, den Dein Sohn für die Zufriedenheit und die Liebe seiner Mutter zahlen muss?

Hendrik, mein Kind und ich wären gewiss heute noch liebevoll beieinander, wenn Du Dich, anstatt überall Giftstachel der Disharmonie zu verteilen, dar­über gefreut hättest, dass er eine Familie fürs Leben gefunden hat. Eine Fa­milie, die ihn liebt und die auch er lieben kann. Die die Lasten des Lebens gemeinsam trägt und nicht so schnell erdrückt wird wie ein einzelner, die aber die Freuden auch doppelt erleben kann.

Anfangs war es schön für uns, eine Omi in der Nähe zu haben. Sie sollte teilhaben an unserem Leben, sollte integriert sein, sollte nicht allein und trostlos den Herbst und Winter ihres Lebens erleben. Du aber hast dieses Miteinander ausgenutzt, um böse Keile zwischen uns zu schlagen. Es hat den Anschein, als könntest Du es nicht ertragen, dass Hendrik außer Dir noch jemanden liebt. Weißt Du nicht, dass es verschiedene Arten von Liebe gibt und dass die Liebe zur Mutter eine andere ist, als die Liebe zur Frau oder zum Kind? Das es also eigentlich gar keinen Grund zur Eifersucht, denn so muss man es ja nennen, gibt? Oder willst Du Dich mit Deinem Han­deln an Deinem Sohn rächen, weil Du es in Deiner Kindheit, Jugend oder in späteren Zeiten nicht so gut gehabt hast, weil es Dir nicht so gut erging, Du nicht so glücklich warst?

Es täte mir unsagbar leid, wenn Du das alles tun musst, weil Du keine schö­nen Erfahrungen in Deinem Leben gemacht hast, wenn Dich also die Verbit­terung darüber unfähig gemacht hat, zu fühlen und zu empfinden, wie weh Du anderen mit Deinem Handeln tust. Ich weiß, dass das eigene Leid, der ei­gene Schmerz viel erträglicher wird, wenn es anderen noch viel schlechter geht. Aber deshalb kann ich doch nicht andere Menschen verletzen, ihnen wehtun, sie unglücklich machen, damit ich meine eigenen Wunden durch die von mir angerichtete Not heilen oder lindern kann!

Ich werde auf alle meine Fragen wohl keine Antwort bekommen; ich wün­sche Dir aber von ganzem Herzen, dass Dir bewusst wird, vielleicht durch meine Zeilen, was Du getan hast, damit Du Hendrik nie wieder ein neues Glück zerstören musst. Durch seine Liebe zu mir bin ich jedoch erfüllt. Die­ses Glück hat sich in mir festgesetzt, so das ich trotz meiner Traurigkeit von innen her strahle und hoffentlich viele Menschen etwas erwärmen kann, damit auch sie Glück erleben, um nicht soviel Böses anrichten zu müssen.

Ich danke Dir zum Abschied für Deinen Sohn, durch den ich diese Erfah­rung machen durfte. Ade.

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