“Saubere” Gedanken

„Bei uns ist es sauber genug, dass man sich wohlfühlen kann – aber nicht so sauber, dass man vom Fussboden essen könnte.“

Dieser Spruch hing lange Zeit in unserem Eingangsbereich an einer Tür. Es sollte ein fröhlich-ironischer Willkommensspruch sein, der auch prompt sehr häufig seine Erfüllung fand. Meist ergab sich daraus gleich eine eifrige Diskussion über die Putzteufelei mancher Menschen. Jeder hatte bereits Erfahrungen damit gemacht und schon näherte man sich dem Wohnzimmer in heiter «aufgeräumter» Stimmung, seine Erlebnisse feilbietend.

Schrubber

Schrubber

Es gibt Haushalte, bei denen man extra große Filzpantoffeln über seine Straßenschuhe stülpen muss, damit der Boden nicht beschmutzt wird, kleine Steinchen nicht das Parkett verkratzen oder einfach, um keine Spuren der Anwesenheit zu hinterlassen. Bei anderen muss man gleich seine Schuhe ausziehen und betritt «strümpfig» das Heiligtum des Wohnens.

Mir gefällt beides nicht.

In den Filzpantoffeln muss man Bodenkontakt halten und schlurft mit den viel zu großen Tretern durch die Räume. Treppenstufen führen plötzlich zur Entwicklung von Überlebensstrategien. Elegantes Schreiten sollte man dieses Vorwärtskommen ohnehin nicht mehr nennen können. In früheren Zeiten wäre das richtig toll gewesen, als die Fussböden noch Holzdielen hatten, die alle Woche gebohnert und anschließend auf Hochglanz gebracht werden mussten. Ich hätte jede Woche zu einer Schlittschuh-…. ach nein, zu einer Bohnerbesenparty in Filzschuhen der Größe XXL eingeladen. Das wäre jedes Mal eine Gaudi gewesen!

Und im Fall des Schuh-Ausziehens weiß man ja nie, ob Der-oder Diejenige vielleicht unter Hyperhidrosis plantaris leidet, was dann zu einer – für den Betroffenen jedenfalls – angenehmen Ausdünstung seiner Füße führt, für die Gastgeber aber eher zu einer Unzumutbarkeit. Es sei denn, sie sind Käse-Fetischisten. Also: Warum tun die sich das an? Ganz davon abgesehen, dass es so manchem Besucher, bzw. so mancher Besucherin eventuell ja auch peinlich sein könnte, das feucht-warme Mikroklima des Schuhes verlassen zu müssen.

Stattdessen wollen einige Leute vom Fussboden essen können. Ich nicht. Wir haben Tische, Stühle, Schränke, Teller.

Ungläubig komme ich immer wieder in das Haus einer Bekannten, die seit Jahren wegen Rheuma in den Händen »früh-berentet« ist. Sie hat keine menschliche Putzhilfe, macht alles selber. Aber ich habe noch nie ein Haus gesehen, das sauberer war. Bei ihr könnte man sogar außen von den Fensterbänken essen, sie sind immer blitzblank und in der Küche könnte jeder Chirurg sofort eine Not-Operation durchführen ohne Angst vor bakterieller Verseuchung haben zu müssen.

Und bei mir? Wie ist es da? Mag ich überhaupt darüber nachdenken?

Eigentlich nicht. Gut, ich habe mich auch schon dabei erwischt, dass ich einen Fleck von der Hauswand wischte, nachdem das Haus gerade frisch renoviert war und mein Blick jedes Mal genau auf diesen Fleck fiel. Alles war so makellos, bis auf diese eine Stelle! Ich habe sie entfernt. Es stimmt mich nun aber doch sehr nachdenklich, dass ich einen neuen, echt hässlichen, Fleck an der Dachumrandung entdeckt habe, der mir – geradezu hinterhältig – jedes Mal ins Auge springt wenn ich daran vorbeigehe! Die Frage ist schon gar nicht mehr, o b ich eine Leiter und einen Eimer Wasser hole, sondern nur noch wann….

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