„Unterhaltung“ mit einem Vogel

Wir wohnen seit vielen Jahren in einem netten, kleinen Einfamilienhaus am Rande der Stadt. Gleich hinter unserem Haus beginnt die „Prärie“, d.h. erst beginnen die Felder einiger Bauern und noch bevor ein herrlicher Wald mit seinem Mischmasch aus vielen verschiedenen Bäumen, ausgetretenen Naturpfaden, an denen im Frühling Wiesen von Waldanemonen und Vergissmeinnicht blühen, zu erholsamen, friedvollen Spaziergängen einlädt, kann man die robust und muskulös wirkenden, Tiere eines Islandpferdezüchters, der weit draußen sein Gestüt betreibt, beobachten. Gerne nehmen wir uns dieses paradiesisch anmutende Fleckchen Erde zum Ziel unserer ausgedehnten Rad- oder Wandertouren um die Pferde anzuschauen, die so ganz anders sind, als die eher eleganten, edlen Warmblüter, also anders als das sogenannte deutsche Reitpferd. Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht berichten. Wenn ich nämlich damit beginne, über die Liebe zur Natur zu sprechen, dann verfalle ich schnell von einem Thema ins nächste.

So komme ich auf einen Abend im September zu sprechen. Es war einer jener warmen Sommerabende, die wir gewöhnlich draußen auf unserer Terrasse verbringen. Unterhaltung wie Fernsehen oder Musik, ja nicht einmal ein Buch wird dann von uns benötigt, um die erholsame, angenehme Ruhe des Feierabends, im krassen Gegensatz zu unserem hektischen Arbeitsleben, auf uns wirken zu lassen. Es war großartig.
Plötzlich wurde die Stille durch den Ruf eines Vogels unterbrochen. Das hätte uns sonst nicht aus unserer Ruhe gebracht, denn eigentlich konnten wir inzwischen viele verschiedene Vogelstimmen analysieren. Stets lag ein schussbereiter Fotoapparat neben uns, denn wir liebten es, besondere Aufnahmen von Dingen aus der Natur zu machen. Dazu gehörten natürlich auch Tieraufnahmen.
An diesem herrlichen Abend hatten wir jedoch noch gar keinen Ruf eines Vogels gehört. Das war derart ungewöhnlich, dass wir uns erstaunt und fragend ansahen. „Was war das für ein Vogel“, fragte ich meinen Mann, „es hört sich eigentlich nach einer Amsel an, aber irgendwie auch nicht. Was meinst du?“
Er setzte sich etwas aufrechter in seinen Sessel, um besser hören zu können und lauschte in die Stille. Es schienen Minuten zu vergehen, bis wieder der Gesang ertönte. Unglaublich wie melodisch diese Rufe klangen, ganz anders, als wenn sich unsere Katze während der Brutzeit in der Nähe eines Nestes sehen lässt. Dann zetern die Amseln energisch und streitwütig, um alle umliegenden Tiere vor ihr zu warnen.
Nun aber gab es keine jungen Amseln mehr, die von ihren Eltern behütet werden müssten. Es war also wohl einfach nur die Freude über diesen herrlichen Abend, die von dem Vogel besungen wurde. Töne, die so harmonisch aneinander gereiht waren, dass ich versuchte, die Melodie zu wiederholen. Das versuchte ich lautlos, denn ich wollte diese Idylle nicht zerstören. Wieder erklang eine Tonfolge, die ähnlich war und dennoch variierte. Das war so schön, so befriedigend, so unglaublich glücklich machend, das ich mich, wohlig seufzend, zurück in meinen Sessel lehnte, um mich weiter daran zu erfreuen.
Gleich darauf wieder eine etwas andere Melodie. Mein Mann saß noch immer in recht angespannter Haltung und lauschte. Völlig unerwartet begann er, diese Melodie zu beantworten. Danach wurde es still. Angestrengt hörten wir in die Nacht und plötzlich hörten wir ihn wieder. War das möglich? Hatte der Vogel geantwortet? Mein Mann erwiderte den Ruf. Kaum hatte er sein Zwitschern beendet, setzte die Antwort der Amsel ein. Es schien beiden Spaß zu machen! So ging es eine Weile hin und her. Ich konnte kaum mein Lachen verkneifen, denn meine Fantasie gaukelte mir vor, was sich Vogel und Mensch wohl zu sagen hatten.
Während die Amsel immer neue Weisen kreierte, gelang es meinem Mann nicht mehr zurück zu pfeifen, weil er durch sein Lachen die Lippen nicht mehr zum Pfeifen stülpen konnte. Die Amsel sang unbeirrt noch eine ganze Weile weiter. Was für ein herrliches Erlebnis!
Auch am darauf folgenden Abend wurde uns wieder so eine wunderschöne, warme Dämmerung beschert. Es dauerte nicht lange, da hörten wir abermals diese fantastisch klingende Stimme des Vogels. Sofort fühlte sich mein Mann zur Antwort aufgefordert und wieder musste er die Unterhaltung mit der Amsel abbrechen, weil er lachen musste.
„Was erzählst du ihm eigentlich immer“, wollte ich nach ein paar weiteren „Besprechungstagen“ wissen, „es muss ja sehr anregend sein, denn sonst würde er wohl nicht jeden Tag antworten.“
„Wer weiß“, resümierte mein Mann grinsend, „vielleicht hofft er ja, dass ich eine gute Partie für ihn bin und wir führen hier eine Art Balzgespräch.“
„Muss ich etwa eifersüchtig werden?“; schäkerte ich und er erwiderte neckend: „ Auf einen Vogel??“
Am nächsten Tag warteten wir vergebens auf die Amsel. Kein Gesang ertönte. Er fehlte uns. Aber schon am nächsten Abend war er wieder da und pfiff, als hätte auch er seinen Unterhaltungsgefährten vermisst. So vergingen noch einige Tage.
Inzwischen war es längst nicht mehr so herrlich warm, es hatte sogar einige starke Regenfälle gegeben, die die Luft erheblich abgekühlt hatte. Es ging bereits auf Oktober zu, deshalb machten wir uns jetzt abends das Feuer im Kamin an. Zwei Tage war mein Mann wegen des nassen, kalten Wetters nicht mehr in den Garten gegangen. Am dritten Tag zog er sich aber eine warme Jacke an und versuchte, als er die Amsel nicht mehr hörte, sie durch Lockrufe zur Antwort zu animieren. Und tatsächlich: Er hörte wieder eine ihrer melodiösen Gesänge, die er sofort nachahmte. Welch ein Glück! Ich merkte es ihm sofort an, dass es geklappt hatte, denn als er zu mir an den Kamin kam, strahlte er übers ganze Gesicht. So vergingen wieder ein paar Tage mit diesem täglichen Erfolgserlebnis meines Mannes.
Dann kam aber wirklich der Schluss dieser „Liebesbeziehung“. So oft mein Mann auch lockte, er bekam keine Antwort mehr. Was war geschehen? Wir spielten alle Ereignisse gedanklich durch und kamen schließlich nur auf eine Erklärung, die uns aber sehr, sehr traurig machte und die wir auch nicht wirklich als Grund annehmen wollten. Vielleicht hatte nämlich eine Katze sie beim Vertieft-sein in ihren lieblichen Gesang erwischt. Das war für uns schließlich die plausibelste Begründung, wobei wir ausschlossen, dass es auch unsere Katze gewesen sein könnte. Über den Gedanken jedoch, dass mein Mann von einem Vogel „verlassen“ worden war, amüsierten wir uns königlich! Darüber vergaßen wir unsere Traurigkeit über die Beendigung einer so schönen „Vogel-Unterhaltung“.
Kurz darauf wollte ich ein paar Einkäufe tätigen und hatte mir deshalb einen Tag frei genommen, so dass ich schon am frühen Nachmittag nach Hause kam. Wir wohnen zwar in einer Art kleiner Siedlung und haben mit fast allen Nachbarn einen guten Kontakt, aber leider sieht man sich nur selten, meist geschieht das rein zufällig. So war es auch an diesem Tag.
Meine Nachbarin freute sich, ebenso wie ich, über unsere Begegnung und wir kamen schnell in eine fröhliche Unterhaltung. Schließlich beendete sie diese aber, nachdem sie etwas schuldbewusst auf ihre Armbanduhr geblickt hatte und erklärte, dass es höchste Zeit sei, nach Hause zu gehen. Ihr Mann hätte sich stark erkältet und wartete nun auf die Medizin, die sie soeben in der Apotheke besorgt hatte.
„Erkältet“, fragte ich sie, „wie hat er denn das hingekriegt? Er sitzt doch immer nur im Büro!“
„Von wegen!“, entgegnete sie, „Seit einiger Zeit hält ihn nichts davon ab, sobald es dunkel geworden ist, in den Garten zu gehen. Dort verbringt er fast eine Stunde, ganz gleich, ob es warm oder kalt ist. Meist hat er dann nicht einmal eine Jacke an, deshalb ist er jetzt auch krank. Aber nun stell‘ dir mal vor, er behauptete jedes Mal, einer Amsel zuzuhören, die wundersame Töne von sich geben würde. Das hätte ihn derart fasziniert, dass er inzwischen versucht, ihr auf dieselbe Art und Weise zu antworten. Inzwischen ist er ganz betrübt, weil er denkt, dass die Amsel durch seine Abwesenheit bestimmt nicht mehr da ist, wenn er wieder gesund ist.“
Noch während sie erzählte, hatte ich mir mein Lachen kaum noch verkneifen können, deshalb prustete ich lachend hervor: „Und nun stell‘ dir mal vor, mein Hans-Werner hat genau dieselbe Amsel kennen gelernt und vermisst nun ebenso die abendlichen Unterhaltungen! Ich schlage vor, sobald dein Michael wieder auf den Beinen ist, stoßen wir mal mit einem Wein auf unseren beiden, musikalischen Amseln an!“

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