Die Geschichte eines Pullovers

 

Ganz gewöhnlich ist es wohl nicht, dass über einen ganz normalen Pullover eine Geschichte geschrieben wird. Ich hebe ihn seit vielen Jahren auf, hüte und pflege ihn und bin darum bemüht, dass er kein begehrtes Ziel von Motten wird. Was ist das aber für ein Pullover, der es wert ist, so fürsorglich behandelt zu werden?

Ein „ganz normaler“ Pullover ist er tatsächlich nicht, denn er wurde nicht einfach so in einem Geschäft gekauft, angezogen und wieder in den Schrank geräumt. Nein, dieser wurde gestrickt. Selber gestrickt, mit den eigenen Händen, ohne Maschine. Nicht von irgend jemandem, sondern von meiner Mutter, die nun schon seit 27 Jahren nicht mehr unter uns ist. Sie hat ihn ungefähr im Jahr 1954 gestrickt.

Damals war es noch üblich, zu stricken. Da klapperten am Abend die Nadeln, die Wolle floss aus dem daneben stehenden Korb zwischen den Fingern zu den Nadeln und unter den geschickten und fleissigen Händen so mancher Strickerin entstanden mitunter wahre Kunstwerke. Gekaufte Socken? Die gab es bei den meisten Familien damals nicht, weder für die Kinder, noch für ihre Eltern. Röcke, Pullover, Westen, Kniestrümpfe, Hosen, ja und welches Mädchen erinnert sich nicht auch noch an die sogenannten Leibchen? Sie kratzten und ließen sich z.B. von mir nur höchst ungern tragen. Allerdings schworen die Mütter darauf, wir alle mussten sie anziehen und damit basta! Sie wärmten Brust und Bauch und beugten jeder Erkältung vor, das musste die Erklärungfür alles sein. Manchmal wurden sogar noch Strumpfbänder angestrickt, damit in  den kühler werdenden Tagen des Herbstes die – natürlich auch selbst gestrickten – langen Strümpfe daran befestigt werden konnten. Ach, wie habe ich es gehasst, diese tragen zu müssen!

Aber davon will ich ja gar nicht erzählen, sondern von dem Pullover, den meine Mutter eines Tages für sich selber gestrickt hatte. Damals konnte ich noch nicht erkennen, ob sie ihn mit Inbrunst strickte oder aus Notwendigkeit. Der Krieg war ja erst vor nicht  allzu langer Zeit zu Ende gegangen, die Familie steckte noch immer im Wiederaufbau und Wiederbeschaffung der verloren gegangenen ehemaligen Werte, und ich erinnere mich an Erzählungen meiner älteren Schwestern, die sehr häufig alte und nicht mehr tragbare Strickkleidung aufrebbeln mussten, so nannten sie das Auftrennen alter Pullover. Ich weiß nicht, ob die so gewonnene neue Wolle noch speziell bearbeitet wurde oder ob „nur“ neue Wollknäuel aus ihnen entstanden sind. Auf jeden Fall wurde jeder einigermaßen brauchbare Wollfaden für neue Strickkleidung verwendet. Anscheinend gab es zu jener Zeit im Hause Hachmann genügend dünne, schwarze Wolle, denn der Grundton dieses besonderen Pullovers war schwarz. Zudem wurde er nicht von unten nach oben gestrickt, sondern von einem Ärmelbündchen zum anderen. So entstand ein zusammenhängendes Teil, bestehend aus beiden Ärmeln und einem Mittelteil. Zum Schluss gab es jedenfalls nur zwei Teile, die zusammengenäht wurden. Danach strickte man die entsprechenden Bündchen an und fertig war ein neuer Pullover, der vielleicht noch durch die Farbe an das vorhergehende Kleidungsstück erinnerte.

Diese Strickart hatte zur Folge, dass die eingearbeiteten andersfarbigen Muster nicht quer, sondern längs gestrickt waren, was dem Pullover ein auffälligeres, sehr viel gefälligeres Aussehen gab. Die vorhandenen Wollknäuel mussten allerdings genau eingeteilt werden, damit es beim Stricken nicht zu „Engpässen“ kam. Denn wenn die Wolle verbraucht war,  konnte man sie nicht einfach in einem Geschäft nachkaufen, wie man es heutzutage kennt. Hatte man sich verrechnet, hieß es, alles wieder aufzurebbeln und noch einmal, in etwas anderer Farbwahl, neu zu stricken. Das war wirklich ein aufwändiges, jedoch, da es überall nicht anders zuging, auch ein geläufiges, bekanntes und somit übliches Verfahren, welches der besonderen Erwähnung nicht unbedingt wert war. Das war Alltag.

Allerdings verging die Zeit recht schnell, die Entwicklung ging voran und noch bevor man sich so recht versah, war stricken plötzlich als zeitraubend und altmodisch verschrien. Die inzwischen wie Pilze aus dem Boden geschossenen  Wollgeschäfte machten einer nach dem anderen wieder zu, weil sich niemand mehr die Zeit fürs Stricken nahm und viele andere Dinge für die Freizeitgestaltung interessanter geworden waren. Es war einfacher, in ein Geschäft zu gehen, um sich Shirts und Sweats zu kaufen. Wer sich selber einmal im Stricken versucht hat weiß, wie viel Übung und Erfahrung man benötigt, um wenigstens einen einigermaßen quadratischen Topflappen hinzukriegen.

Als meine Schwestern und ich zusammen kamen, um die letzten Dinge nach dem Tod unserer Mutter zu verteilen und ihre Wohnung aufzulösen, fiel mir dieser Pullover in die Hände. Er erinnerte mich an viele Tage, an denen sie ihn getragen hatte. Ich habe sie immer gern darin gesehen. Er gehörte zu ihr. Und da auch sie sich anscheinend nicht von ihm hatte trennen können, lag er noch immer in ihrem Schrank.

Sie hatte sich, nach dem Tod unseres Vaters, bereits von allem getrennt, was ihr nicht wichtig war oder wichtig genug erschien. Nun standen wir vier Töchter vor all den Dingen, die sie vermutlich am wenigsten weg geben wollte, aber auch nicht mit in den Tod nehmen konnte. Es waren bewegende, berührende und erinnerungsreiche Augenblicke, zumal ich erst vor wenigen Jahren gelernt hatte, meine Mutter zu lieben. Als ich nun  ihren Pullover in den Händen hielt, war sie mir so nah, wie selten zuvor. Ich konnte dieses Kleidungsstück nicht einfach entsorgen, ich nahm ihn mit.

Wenige Augenblicke später überkam mich noch einmal diese merkwürdige, rührende Stimmung, als ich „mein Paket“ entdeckte! Sie hatte nämlich Wort gehalten, denn einige Jahre zuvor hatte sie mir versprochen, dass ich einige besondere Dinge von ihr erhalten würde, dazu gehörten Briefe, Fotos, Aufzeichnungen und einige kleine botanische Fundstücke. Nun stand es vor mir das Paket. Sie hatte sogar meinen Namen darauf geschrieben, damit ich es auch wirklich finde und jeder weiß, dass es für mich bestimmt war. Ein leises „Dankeschön“ schickte ich in Richtung Himmel, denn wo sonst sollte sie sein.

Siebenundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen und viel ist inzwischen geschehen. Meine Beziehung zu meiner Mutter hat sich grundlegend verändert, da sich in dem Paket, das ich von ihr geerbt hatte, alles befand, wovon nur unser Vater etwas wusste, für uns Kinder aber die Erklärung steckte, nach der wir uns alle gesehnt hatten, ohne zu wissen, dass es überhaupt eine Erklärung für unser ungeliebtes Leben gab.

Ich habe viele Jahre gebraucht um mein Erbe, „mein Paket“, das ich mir von unserer Mutter gewünscht hatte, überhaupt zu öffnen. All das, was ich darin fand, habe ich in den beiden Büchern „Mein Wunscherbe“ -Zwischen zwei Welten- und -im Land meiner Träume- zusammen gefasst und aufgeschrieben. Auch viele von den erwähnten Fotos sind dort veröffentlicht. Auf eines dieser Fotos möchte ich besonders aufmerksam machen, denn es zeigt unsere Mutter in dem hier beschriebenen, von ihr gestrickten Pullover, als sie im Januar 1957 dem damaligen indischen Präsidenten, Rajendra Prasad, im Rashtrapati Bhavan, dem Präsidenten-Palast, in Delhi vorgestellt wurde.

Am Anfang hatte ich die Frage gestellt, ob ein Pullover es wert sei, das er fürsorglich behandelt und wie ein Schatz gehütet wird.

Nun sage ich: „Ja! Er ist es wert!“

Denn ich bin stolz darauf, eine Mutter gehabt zu haben, die sich für ein Land eingesetzt hat, das es damals noch nötig hatte, dass sich jemand für es einsetzt. Dass sie sich um junge, indische Menschen hier in Deutschland gekümmert hat, die es gewiss auch ohne sie geschafft hätten, hier zu überleben. Aber mit ihr zusammen war das viel wärmer, herzlicher, liebevoller, heimatverbundener und verständnisvoller. Es waren viele, sehr viele junge Menschen. Und ich bin mir sicher, dass sich die meisten von ihnen gut an die Zeit mit ihr erinnern können und gute Gedanken haben, wenn sie an Frau Hachmann denken. Denn ihretwegen war Lieselotte Hachmann auf die Notwendigkeit gekommen, 1954 eine „Deutsch-Indische Gesellschaft“ in Hamburg zu gründen, der ersten dieser Art in Deutschland.

Allerdings, und das empfinde ich als sehr traurig und schade, ist es wie mit dem Stricken: Irgendwann ist es „altmodisch“ geworden zu stricken. So ist es wohl auch „altmodisch“ geworden, sich an diesen Beginn der „Deutsch-Indischen Gesellschaft“ und ihrer Gründerin zu erinnern.

 

Hier findet man übrigens u.a. das beschriebene Foto mit dem Pullover, leider nur in schwarz-weiß, wie es damals üblich war:

https://de.wikipedia.org/wiki/Lieselotte_Hachmann

Deshalb habe ich ihn noch einmal in Farbe fotografiert.

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